Etwas wehmuetig sitze ich grade hier – soeben ist die closing ceremony zu Ende gegangen und die Mind Sports Games sind offiziell vorbei. Ich habe mich so lange darauf gefreut, und es war eine super tolle Zeit, mit vielen neuen Bekanntschaften, gutem und schlechtem Bridge, und noch viel mehr…
Die Feier fand open air auf der Wiese vor dem Kongresshotel statt. Leider hatte irgendeiner die Idee, mitten in den Reden und Ansprachen zur Ehrung der Medaillengewinner das Buffet zu eroeffnen, so dass kein Mensch mehr den Feierlichkeiten zuhoerte. Das Essen war reichlich und auch mit Getraenken wurden wir versorgt. Als ich allerdings um Wasser bat (mein Alkoholbedarf ist momentan sehr klein, mehr weiter unten), meinte sie, ich koenne gern Bier, Sprite oder Cola trinken, oder mich vom Heisswasser-spender fuer Tee bedienen
. Momentan spielt noch eine Band, und rundherum herrscht grosse Abschiedsstimmung.
Die vier Sessions Individual am Donnerstag und Freitag nahmen die meisten nicht mehr ganz so ernst wie die vorherigen Turniere. Auch merkte man doch einigen an, dass die Naechte immer kuerzer und die Biere immer zahlreicher wurden. Indi ist sowieso immer ein bisschen Glueckssache, je nachdem, mit wem man welche Boards spielt, kann ganz vieles passieren. Die Teilnehmer spielten in mehreren Gruppe à 52 Personen, wo schlussendlich fast jeder einmal mit jedem spielte. In unserer Gruppe B hatte es auch einige sehr schwache Spieler, so drei Inder, die irgendwie ueber die Consolation Round weitergekommen waren. Als einer von ihnen mir gegenueber sass, entwickelte sich folgende Reizung mit ihm als Teiler: p (1C) 1NT (immer schnell die NT belegen
) (2D) 2S (p) p (3D) 3H (p) 3S (4D) 4S (p) p (5D) 5S (x) Das ging dann vier down, und er meinte „I had 5 5 in the majors“. I know, partner, I know…
Na ja, ich hatte meinen Spass und auch einige gute Resultate. Schlussendlich reichte es fuer den 12. Rang oder so, weit hinter Cedric, der sensationeller dritter wurde. Gratuliere, super! Damit nimmt die Schweiz wenigstens ein WBF-Diplom nach Hause, wenn auch keine Medaille, da die nur in der A-Gruppe verteilt wurden.
Da Jenny und ich ja dank der Quali fuer das A-Paar-Finale seit Anfang sozusagen durchgespielt haben, beschlossen wir, wenigstens den Abend einmal fuer etwas Shopping zu nutzen. Die andern schlossen sich uns an, und gemeinsam nahmen wir ein Taxi zum Silk Market, der aehnlich wie der Pearlmarket aus Hunderten Staenden besteht, die in einem 7-stoeckingen Gebaude untergebracht sind. Zwei Stunden spaeter waren wir sehr erschoepft, aber gluecklich
. Einkaufen in China ist echt anstrengend, denn man braucht viel Geduld und Nerven, um die Dinge zu einem anstaendigen Preis zu erstehen. Auch koennen es die chinesischen Verkauferinnen nicht ertragen, wenn man ohne etwas zu kaufen wieder von ihrem Stand weggeht. Dann zerren sie einem am Arm und rufen durchs ganze Stockwerk.
Zusammen mit Beda, den wir zufaellig getroffen hatten, steuerten wir das naechste Restaurant an, den Shoppen macht hungrig. Es war ein Gluecksgriff: Auf elektrischen Platten auf der Mitte das Tisches wurden in grossen Toepfen haufenweise Knoblauch und Fleisch angebraten und mit einer Sauce nach Wunsch vermischt. Nachdem man die besten Fleischstuecke herausgepickt hatte, wurde das ganze mit Bruehe aufgefuellt, und jetzt konnten wir nach Gusto Gemuese und Kartoffeln reinwerfen. Mmmh!
Gestern Abend, das letzte von sehr vielen Boards war gespielt, liessen wir uns vom erfahrenen Efe ins Pekinger Nachtleben mitnehmen. Zum Club Vics sollte es gehen, der gleich gegenueber vom Mix liegt. Efe zeigte also dem Taxifahrer den Ort auf der Karte, dieser nickte und fuhr mit Jenny und mir los, wahrend die Jungs ein anderes Taxi nahmen. Leider stellte sich dann heraus, dass der Fahrer eigentlich gar nicht wusste, wo er uns hinbringen sollte. Chinesische Taxifahrer sprechen kein Wort Englisch und haben keinen Stadtplan im Auto – die Hotels verteilten ihren Gaesten deshalb immer kleine Kaertchen mit „Please take me to the .. Hotel at … Street“ in Chinesisch draufsteht. Item, Jenny vollfuehrte auf dem Ruecksitz wilde Tanzbewegungen, um dem Fahrer klarzumachen, dass wir in eine Disco wollten, doch es fruchtete nichts. Irgendwo stiegen wir dann aus und fragten uns zu Fuss durch bis zum Vics. Zum Glueck steht im Reisefuehrer, dass Peking auch nachts eine sehr sichere Stadt sei
!
Die reiche Jugend von Peking und viele Europaeer und Amerikaner tummelten sich in dem durchgestylten Club mit zwei Tanzflaechen. Die Musik war so unglaublich laut, dass mir richtig schlecht wurde. Also zuerst mal einen Cocktail trinken und dann die Ohren mit Taschentuchfetzen verstopfen, das half. Bald trafen auch das deutsche, italienische und spanische Team ein, plus ein sehr grosszuegiger Amerikaner, der gleich mal Vodka und Wasser fuer alle spendierte. Wir tanzten, lachten, tranken und schrien uns an
, es war super. Heiter (aber nicht betrunken!) waren wir so gegen drei zurueck im Bett.
Eisern wir wir sind, konnte uns auch ein langer Abend nicht vom Sightseeing abhalten, und so trafen wir puenktlich um halb zehn heute Morgen am Treffpunkt ein. In zwei Taxis gings ab zum kaiserlichen Sommerpalast. Diesmal hatten Jenny und ich einen sehr kompetenten Fahrer erwischt, der sich gekonnt durch den Verkehr schlaengelte. Muede und verfroren warteten wir dann am Eingang des Parks im Nebel eine halbe Stunde auf Efe, Georg und Beda, die irgendwie im Stau stecken geblieben waren.
Der Sommerpalast ist eigentlich eine riesige Parkanlage rund um einen grossen kuenstlichen See, mit Tempeln, Hausern, Booten und Pagoden. Fast vier Stunden lang schlenderten wir durch den wirklich wunderschoenen Park, der sich schliesslich auch in schoenstem Sonnenlicht praesentierte. Das fruehe Aufstehen hatte sich definitiv gelohnt!
Eine knappe Stunde blieb uns vor der Eroeffnungsfeier, um die Koffer zu packen. Ich bin sehr froh, dass ich mich in der Schweiz fuer den groessten Koffer entschieden habe, denn mittlerweile ist er wirklich platschvoll mit all meinen Errungenschaften. Morgen frueh um 7 nehmen wir den Shuttlebus an den Flughafen und fliegen nach Xian zur Terracotta-Armee. Wir werden naechste Woche ein sehr gedraengtes Programm haben, so dass ich nicht weiss, ob ich einmal Zeit fuer ein Internetcafé habe. Vielleicht bin ich also erst wieder am Samstag Nachmittag online, zu Hause in der Schweiz. Dann wird dieses grossartige China-Abenteuer definitiv vorbei sein…